Mittwoch, 16 Dezember 2015

Die Kraft des Räucherns

Die Zeit um Weihnachten und Dreikönigstag war früher erfüllt vom Volksglauben. Bräuche und Rituale bestimmten diese Zeit. Heute noch pflegen die bäuerlichen Familien das Ritual am Vorabend des Dreikönigstages und glauben an die Kraft des Räucherns.

Bei uns Zuhause, so erzählt die Bäuerin des Jahres 2015 Hildegard Flatscher Costa, wurde nicht geräuchert. „Ich kannte das Räuchern nicht. Erst als ich hier her kam, erlebte ich diesen Brauch.“ Auf Osti Vedl in Campill wird einmal im Jahr geräuchert und zwar am 5. Jänner, am Vorabend des Dreikönigtages. Dabei sind alle Familienmitglieder, auch die Kinder: „Weil sie gerne dabei sind, sie mögen das Räuchern.“ Früher wurde es als schlechtes Zeichen gesehen, wenn jemand beim Räuchern nicht im Haus war. Kein Mitglied durfte fehlen, denn wer fehlte ist das das ganze Jahr „ausigracht“ (hinausgeräuchert), weiß Barbara Stocker vom Südtiroler Landesmuseum für Volksheilkunde.

Für Hildegard und Giovanni gehört das Räuchern einfach zum Jahresablauf am Hof dazu: „Wir führen diesen Brauch weiter, um unseren Hof zu schützen. Wie auch unsere Vorfahren glauben wir an die Kraft des Räucherns. Das Räuchern vertreibt das Böse vom Hof und es reinigt die Luft!“

Räucherpfanne und Weihwasser

Familie Costa macht es so, wie Bauer Giovanni es von seinen Eltern übernommen hat: Sie nehmen eine Stielpfanne, geben heiße Glut hinein, darauf geweihten Weihrauch. Die Pfanne trug früher immer der Bauer als Familienoberhaupt, so auch auf Osti Vedl: „Giovanni nimmt die Räucherpfanne und ich das geweihte Weihwasser und einen Tannenzweig zum Spritzen. Wir starten in der Küche, dann gehen wir in alle Wohnräume und dann in den Heustadl und in den Stall.“ Und so wird auch das Vieh ausgeräuchert und mit Weihwasser besprengt. Im Stadl ist Familie Costa natürlich vorsichtig unterwegs wegen der Brandgefahr. Doch auch früher wurde kein Objekt vor dem Haus ausgelassen: So wurden auch der Backofen, die Holzschupfe und kleinere Gebäude ausgeräuchert. Mit der Pfanne wurde ein Kreuzzeichen gemacht. In manchen Orten wurde der Hof drei Mal betend umgangen, besonders in Nordtirol. In manchen Orten, z.B. im Wipptal gingen die Bauern auch vor das Haus und räucherten in alle Windrichtungen. Damals wurden auch alle Löffel, die eigens auf den Tisch gelegt wurden, geräuchert. Der Löffel war lange Zeit das einzige und wichtigste Besteck zum Essen. In einigen Gegenden, so z.B. in der Brennergegend, kamen sogar die Speisen auf den Tisch, um sie zu segnen. In einigen Orten, z.B. im Nonstal, wurde allein die Toilette, der Abort, nicht ausgeräuchert.

Heilender Rauch

Bei großen Familien zogen viele Menschen durch das Haus. Wenn alles ausgeräuchert war, versammelten sich die anwesenden Menschen um die Glutpfanne und hielten ihre Köpfe darüber. Die Hüte und das Kopftuch mussten hoch gehalten werden, denn so hoch sollte im darauf kommenden Jahr der Roggen wachsen. Auch Kopf und Hals wurden über die Glut gehalten, um vor Halsweh und anderen Leiden verschont zu bleiben. Das Einziehen des Rauches wird „Rauch anziehen“ genannt. Den Rauch empfand man als sehr heilsam. Daran glaubt auch Familie Costa.

Betend um Haus und Hof

Wichtig ist ihnen zudem das Gebet: „Wir beten das Vaterunser und zur Heiligen Mutter Maria. Wir bitten um den Segen. Wir starten und beenden das Räuchern mit dem Kreuzzeichen.“ Nicht überall gingen alle durch das Haus. Es gab auch Gegenden, da gingen nur drei Personen zum Ausräuchern: Der Vorbeter, der mit der Rauchpfanne und der mit dem Weihwasser. In Ridnaun und Mareit wurde die Glutpanne wieder unter dem Tisch gestellt. Dort blieb sie stehen, während sieben Vaterunser gebetet wurden. Während des Gebetes und danach beim Essen rauchte es vom Tisch herauf, aber das war gut, denn die Leute sahen darin eine Segenskraft. Es durfte nie zu später Stunde geräuchert werden, denn da meinte man, würde eine späte Ernte erhalten. Daher wurde in manchen Orten, wie z.B. im Oberinntal schon nach der Marende geräuchert. Auf keinen Fall durfte nach 21 Uhr geräuchert werden.

Vom Thomastag bis Dreikönig

Übrigens - Ursprünglich gab es 12 Rauhnächte. Sie begannen am alten Thomastag, am 21. Dezember. Heute wird meist am Vorabend des Dreikönigtages ausgeräuchert. Im Pustertal und seinen Seitentälern noch drei Mal: am Heiligabend, am Silvestertag und am Vorabend des Dreikönigtags. Hildegard Costa, dass in ihrer Gegend nur noch einmal geräuchert wird: „Da räuchern aber noch viele. Die Familien erhalten von den Heiligen Drei Königen den gesegneten Weihrauch und dann wird am 5. Jänner geräuchert, einfach weil der Glaube von stark verwurzelt ist. Wir wollen unseren Hof schützen!“

Von Ulrike Tonner (Interview mit Hildegard Flatscher Costa, Bäuerin des Jahres 2015, Fachinformation Barbara Stocker, Südtiroler Landesmuseum für Volkskunde)

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