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Freitag, 27 November 2020

Der erste Schritt: einfach reden!

Die Lebensberatung für die bäuerliche Familie hilft, Konflikte zu lösen: Unausgesprochenes anzureden, genau hinzuschauen, Perspektive zu wechseln und zu hinterfragen. Für ein gutes Miteinander (am Hof), respektvoll und wertschätzend. Für ein gutes Leben.

von Renate Anna Rubner

Ulli geht heute Abend aus. Mit ihrer Freundin Karin, zu einem Vortragsabend. Eigentlich hat sie keine Lust darauf, lieber würde sie mit Karin entspannt essen gehen. Und ratschen, ungestört. So wie früher …

Aber Karin will zur 10-Jahres-Feier der Lebensberatung für die bäuerliche Familie in Kardaun. In dem Vortrag soll es um typische Krisensitua­tionen am Bauernhof gehen, wie man sie bewältigen kann und wie Beraterinnen und Berater dabei helfen können. Ulli hatte spontan zugesagt, als Karin ihr das vorgeschlagen hatte. Seitdem sie Mutter geworden ist, kann sie nicht mehr so oft fortgehen. Jetzt möchte sie aber eigentlich nichts hören von Problemen, Krisen und Konflikten. Es ist kalt draußen, und es kostet sie etwas Überwindung, mit Karin nach Kardaun ins Vereinshaus zu fahren. Dann aber wird es ein unterhaltsamer Abend: Ulli und Karin unterhalten sich köstlich. Die beiden Referenten Susanne Fischer und Erhard Reichsthaler verstehen es, schwierige (Krisen-)Situationen humorvoll zu schildern und die Problematik auf den Punkt zu bringen. Die beiden Freundinnen lachen viel an dem Abend, tauschen vielsagende Blicke. Die eine oder andere ­Situation kommt ihnen schon auch bekannt vor. Oder zumindest plausibel und realistisch. Am Nachhauseweg reden sie noch drüber, schmunzeln, lachen, schweigen nachdenklich. Dieser Abend wird sie noch lange beschäftigen.

Ulli hat vor allem ein (erfundenes) Beispiel gerührt: Eine junge Familie – Bauer Klaus, Bäuerin Katja und ihre drei Kinder im Grund- und Mittelschulalter – leben mit den Altbauern Karl und Clara am Hof. Eigentlich läuft alles rund, der Hof ist übergeben, die Altbauern helfen der jungen Familie, wo es geht: im Stall, beim Putzen der Ferienwohnungen für Urlaub auf dem Bauernhof, bei der Heuernte. Die Wohnungen haben zwar denselben Eingang, sind aber getrennt. Jede Familie hat ihren Bereich. Alles ist klar geregelt. Möchte man meinen. Trotzdem kommt es zu Übergriffen und zu einem handfesten Streit: Klaus ärgert sich, weil seine Eltern seinen Speck an die Geschwister verschenken, wenn die zu Besuch kommen. Auch Eier und Kartoffeln kriegen die Geschwister von den Eltern eingepackt. Dabei gehören die Hühner Bäuerin Katja, die Eier verkauft sie an Familien im Dorf.

Klaus macht seinem Vater Vorwürfe: Die Geschwister haben immer tun dürfen, was sie wollten: zur Schule gehen, einen Handwerksberuf erlernen, ausziehen, reisen. Das wurde nie infrage gestellt. Nur bei Klaus gab es immer zu kritisieren. Er als der Hofübernehmer musste eine landwirtschaftliche Fachschule besuchen, obwohl er gerne Tischler gelernt hätte. Wenn er mit Freunden oder später mit Katja verreisen wollte, hat ihm der Vater ein schlechtes Gewissen gemacht: „Ihr habt es gut, ihr fahrt in Urlaub. Zu unserer Zeit wäre das undenkbar gewesen, wir mussten immer arbeiten. Und eigentlich wollte er doch für einen neuen Heukran sparen …“ Und dann kommen die Geschwister auch noch auf seinen Hof und tragen alles weg, was nicht niet- und nagelfest ist!

Der Streit schwelt zunächst vor sich hin, beide Seiten fühlen sich unverstanden, nicht genügend respektiert. Zwischendurch wird auch lauthals geschimpft, gestritten, es knallen Türen. Dann gibt es Tage und Wochen, in denen man sich aus dem Weg geht, sich jeder beleidigt zurückzieht. Dann leidet Clara. Die Altbäuerin meint es doch nur gut. Sie möchte, dass alle miteinander auskommen und vertragen. Eine vertrackte, ja ausweglose Situation. Überraschend einleuchtend und einfach ist der Lösungsansatz, den Susanne Fischer und Erhard Reichsthaler in so einem Fall vorschlagen: Nämlich, das Ganze systematisch anzuschauen, „Arbeitssystem“ und „Familiensystem“ getrennt voneinander zu betrachten. Sie geben Tipps und Anweisungen, um die Situation anders zu sehen, nämlich aus der Sicht des Gegenübers, und entsprechend darauf zu reagieren.

Vieles bleibt unausgesprochen

Klar wird auch, dass im „Arbeitssystem“ Bauernhof Dinge oft unausgesprochen bleiben. So ist der Hof in dem Fallbeispiel zwar auf dem Papier übergeben und so klar, wie die Rollen verteilt sind. Klaus ist der Chef am Hof, aber die Eltern helfen mit. Auch die Geschwister sind immer zur Stelle, wenn es darum geht, das Heu einzubringen. Dafür nehmen sie schon mal Urlaub oder opfern sogar ihr Wochenende. Für alle ist es selbstverständlich zu helfen. Trotzdem wünschen sie sich, dass diese Hilfe auch wertgeschätzt wird, dass sie dafür etwas zurückbekommen: Nicht Geld, darum geht es nicht. Vielleicht könnten Klaus und Katja sich überlegen, womit sie den Eltern und Geschwistern eine Freude machen könnten: mit einer Einladung zu einem Sonntagsessen zum Beispiel, mit einem gemeinsamen Familienausflug nach Abschluss der Heuernte oder mit einem Geschenkkorb mit ihren eigenen Produkten: Speck, Eier, Gemüse und Kartoffeln. Vielleicht würde auch ein herzliches „Vergelt’s Gott!“ reichen. Zumindest ansprechen sollten Klaus und Katja die Situation und damit eine Hand ausstrecken. So hätten Eltern und Geschwister die Gewissheit, dass ihre Hilfe einen Wert hat, dass man dankbar dafür ist, dass sie etwas dafür zurückbekommen. Umgekehrt sollten Eltern und Geschwister die Besitzverhältnisse am Hof respektieren. Wenn jemand Eier haben möchte, dann soll er/sie Katja darum bitten. Oder um Speck fragen, denn der gehört Klaus.

Einfach mal „Danke“ sagen

Ulli überdenkt ihre eigene Situation: Wann hat sie ihrer Schwiegermama zum letzten Mal gedankt, als sie ihr die Kleine abgenommen hat, damit sie in die Stadt fahren kann? Wann hat sie ihr zum letzten Mal angeboten, mal groß mit ihr einkaufen zu gehen? Stattdessen hat sie die Einladungen zum Sonntagsessen einfach so hingenommen, nicht mal Blumen oder eine andere kleine Aufmerksamkeit hat sie ihr dafür mitgebracht. Sie nimmt sich fest vor, das zu ändern. Gleich morgen will sie mit ihrer Schwiegermutter darüber reden.

Auch darüber, weshalb sie und Stefan entschieden haben, die Kleine im Montessori­Kindergarten einzuschreiben. Das hatte den Schwiegereltern gar nicht gepasst, „neumodischer Kram“ sei das alles, haben sie gesagt. Ulli hat sich darüber geärgert, seitdem fühlt sie sich beobachtet und kritisiert. Auch nicht gerade förderlich für die Stimmung. Stefan sieht das viel lockerer: „Wir haben das so entschieden, ob Mama und Papa das passt, kann uns doch egal sein“, hat er gemeint. Und da hat er recht. Denn sie sind eine eigene Familie, müssen ihre Entscheidungen treffen und nicht versuchen, es den anderen recht zu machen. Der Vortrag hat Ulli darin bestärkt. Trotzdem möchte sie mit den Schwiegereltern noch mal darüber reden, nicht einfach beleidigt sein und sich unverstanden und kritisiert fühlen.

Dinge an- und aussprechen

Überhaupt, das wird Ulli und Karin im Gespräch klar, geht es oft darum, die Dinge an- und auszusprechen. Auch wenn es manchmal schwerfällt, ist das Gespräch immer der erste klärende Schritt. Egal worum es geht. Sie beide kennen das aus eigener Erfahrung. Schließlich sind sie schon seit der Mittelschulzeit „beste“ Freundinnen, haben Höhen und Tiefen miteinander erlebt und immer wieder gemerkt: Wenn es ihnen nicht gut ging – manchmal auch miteinander –, dann hat Reden eigentlich immer geholfen: um sich zu erleichtern, um die eigenen Gefühle zu ordnen, um der Angst den Schrecken zu nehmen, um Trauer zu verarbeiten. Oder das Verhältnis zueinander zurechtzurücken, Missverständnisse auszuräumen, Klarheit zu kriegen – und sich immer wieder zu bestätigen, wie wertvoll man füreinander ist.

Beziehungsprobleme?

Karin ist nach dem Vortrag noch ganz aufgewühlt. Sie sitzt auf dem Sofa und wartet auf ihren Freund Robert, der noch beim Taekwondo Training ist. Als er heimkommt, erzählt sie ihm eines der Fallbeispiele: Bäuerin Elisabeth bewirtschaftet einen Obsthof, den sie von ihren Eltern geerbt hat. Ihr Mann Werner arbeitet in der Bank, fünf Tage die Woche. Er ist also immer außer Haus, sie kümmert sich nicht nur um die Landwirtschaft, sondern auch um die drei Kinder und den Haushalt. Werner ist bei der Feuerwehr und bei den Schützen, Elisabeth im Ortsausschuss der Bäuerinnen und im Kirchenchor. Oft geben sie sich abends die Klinke in die Hand. In letzter Zeit ist Elisabeth aber abends nicht mehr in der Stimmung, fehlt oft bei den Chorproben, und auch bei den Sitzungen der Ortsgruppe ist sie kaum noch dabei. Dafür verantwortlich macht sie Werner, schließlich zieht er seine Arbeit und das Ehrenamt einfach durch, während sie allein den Rest schaukeln muss. Sie fühlt sich im Stich gelassen, oft gibt es Streit deswegen. Werner sieht nicht ein, dass er etwas ändern muss, schließlich arbeitet er auch hart, um der Familie einiges bieten zu können. Es fehlt ihnen an nichts.

Eher Überforderung!

Seitdem die Beziehung zwischen den Eheleuten angespannt ist, ist Werner noch weniger daheim, Elisabeth zieht sich immer mehr zurück. Die Kinder tun, als ob nichts wäre. Oft flüchten aber auch sie zu Freunden, die Atmosphäre zu Hause ist bleiern. Eine ernsthafte Beziehungskrise? Die beiden Referenten Susanne Fischer und Erhard Reichsthaler haben auch in diesem Fall einen Ansatz, der den gordischen Knoten zu lösen vermag: Elisabeth ist überfordert, der Hof und die Verantwortung für Haushalt, Kinder, Hof und Ehrenamt sind ihr über den Kopf gewachsen. Deshalb ist es wichtig, dass sie mit Werner darüber redet: Ohne die Botschaft an ihn, etwas ändern zu müssen. Indem Elisabeth darüber redet und ihre Gefühle benennt, wird ihr auch klar, dass sie selber etwas ändern muss.

Sie beschließt, sich eine Haushaltshilfe zu suchen. Einmal wöchentlich soll sie die Wohnung gründlich durchputzen und das Bügeln übernehmen. Dadurch kann sich Elisabeth zwei halbe Tage freimachen und in dieser Zeit tun, was sie gerne tut: einen langen Spaziergang machen, sich mit einer Freundin zum Kaffeetrinken treffen, in ihrem Garten herumwerkeln. Dadurch schöpft sie neue Kraft, das Geld für die Haushaltshilfe ist gut investiert. Werner unterstützt Elisabeth, auch ihm wird klar, dass es besser ist, auf den einen oder anderen Luxus zu verzichten, um dadurch mehr Zeit füreinander und für sich zu haben: Er fragt in der Bank um Teilzeit an, dadurch kann er Elisabeth am Hof unterstützen. Und er bekommt wieder mehr von den Kindern mit. Die Feuerwehr ist ihm ein Herzensanliegen, aber bei den Schützen war er letzthin nur noch aus Gewohnheit dabei. Ähnlich geht es Elisabeth: Sie liebt ihre Bäuerinnen-Ortsgruppe und ihre Arbeit im Vorstand, aber die Proben für den Kirchenchor erfüllen sie nicht mehr so wie früher. Auch sie hängt dieses Hobby an den Nagel. Nun sind beide mehr zu Hause und haben sich für Mittwochabend ein neues Ritual angewöhnt: Während sie auf die Kinder warten, die an dem Tag etwas später heimkommen, trinken sie gemeinsam einen Aperitif. Dabei redet es sich leicht, sie schmieden Pläne, diskutieren offen und lachen viel.

Robert versteht sofort, was Karin ihm mit dieser Geschichte sagen will. Auch er hat sich in letzter Zeit Gedanken darüber gemacht, wie ihr Alltag abläuft, und spricht es auch aus: Beide in Vollzeit berufstätig, beide in Sportvereinen aktiv, Karin zusätzlich beim Volkstanz und er in der Musikkapelle. Karin hilft am Wochenende im Buschenschank des Bruders mit, während Robert als gelernter Maler oft kleinere Arbeiten übernimmt. Das zusätzliche Geld haben sie gut brauchen können, als sie die Wohnung gekauft und eingerichtet haben. Aber nun ist die abbezahlt, trotzdem lief bisher alles gleich weiter. Karin ist froh, dass Robert die Problematik auch sieht und sich vorstellen kann, sie gemeinsam anzugehen. Gerade sind sie zu müde, um konkret eine Veränderung zu planen. Aber beide fühlen sich schon dadurch erleichtert, dass sie darüber geredet haben. Zufrieden gehen sie ins Bett. Mit der Gewissheit, dass sie einiges zurücklassen werden: er den Zusatzjob, sie den Volkstanz, beide ein bis zwei Trainings. Um wieder mehr Zeit für das Gemeinsame zu haben. „Wieso haben wir nicht schon viel früher darüber geredet?“, fragt sich Karin beim Einschlafen. „Beide haben wir das gleiche gedacht und drauf gewartet, dass es der andere anspricht …!“

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