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Mittwoch, 03 Juni 2020

Tracht - eine Neuerkundung

Sonderausstellung im Tiroler Volkskunstmuseum in Innsbruck

Ob als Kleidungsstil im Discounter, bei diversen Schi- und Almpartys, in der Pop- und Jugendkultur oder bei Wahlkämpfen und Demonstrationen – Dirndl und Lederhosen erleben seit der Jahrtausendwende eine erstaunliche Wiederkehr. Bei vielen löst das Trachtige aber immer noch Unbehagen aus, immerhin kam (und kommt) es auch in politischen Systemen zum Einsatz. Den vielfältigen Perspektiven auf die Tracht und deren Geschichte widmet sich das Tiroler Volkskunstmuseum in der Sonderausstellung. Geboten wird keine traditionelle Trachtenkunde, sondern ein kritisches Update für Zeitgenossinnen und Zeitgenossen.

Heute wird beim Gauderfest traditionell in Lederhose getanzt, am See in der Badehose im Lederhosen-Look geplanscht. Das Bild der Tracht ist vielfältig. „Die Tracht steht einerseits für Tradition, andererseits ist sie heute auch ein beliebter Kleidungsstil für einen breiten Teil der Bevölkerung und damit ‚modischen‘ Veränderungen unterworfen“, so Direktor Mag. Dr. Peter Assmann. „Ihre bewegte Geschichte und die Diskurse, die darin eine Rolle spielen, möchten wir in der Sonderausstellung zeigen.“ Nicht immer war die Tracht in allen Bevölkerungsschichten vertreten – bis zur „Dirndelisierung“ und „Verlederhosung“ rund um die Jahrtausendwende hat sie eine lange Geschichte hinter sich.

Tracht als Kleidungsstil für alle?

Mit Tracht war früher allgemein „Kleidung“ gemeint. Sie wurde im Alltag getragen: auf dem Feld, in der Stadt, zu besonderen Festen. Später wurde sie von der adeligen Bevölkerung für sich beansprucht und zu speziellen Anlässen getragen, bis der Kleidungsstil schlussendlich demokratisiert wurde. „Im ausgehenden 19. Jahrhundert gründeten sich Trachtenvereine im kleinen und mittleren Bürgertum und in der Arbeiterschaft. Sie forderten ihr Recht auf den Kleidungsstil ein“, so Kurator Dr. Reinhard Bodner. Heute eignen sich breite Bevölkerungsschichten das Trachtige an, oft sogar ganz unorthodox mit Sneakers oder Shirts kombiniert. „Die Tracht ist nicht mehr einzelnen Gruppen vorbehalten, sondern ein Kleidungsstil für viele. Allerdings werden mit dem Trachtenboom auch immer wieder diffuse Sehnsüchte ausgedrückt: nach einer scheinbar heilen Welt, nach altbackenen Geschlechterrollen und einer provinziellen Heimatlichkeit, der sich eine konservative bis rechtsnationalistische Politik bedient.“

Tracht im Nationalsozialismus: rund um Gertrud Pesendorfer

Auch wenn Tracht heute das ganze politische und gesellschaftliche Spektrum abdeckt, hat der Diskurs um die Traditionskleidung auch Schattenseiten, hat sie doch auch im Nationalsozialismus eine Rolle gespielt. Findet im Volkskunstmuseum eine Sonderausstellung zur Tracht statt, muss ein Name reflektiert werden: Gertrud Pesendorfer. Die einstige Sekretärin des Volkskunstmuseums wurde in der NS-Zeit geschäftsführende Museumsleiterin. Im Gau Tirol-Vorarlberg, der sich gerne als volkskulturelle Vorzeigeregion präsentierte, wurde sie zur Trachten-Autorität. Mehr noch, sie wurde zur „Reichstrachtenbeauftragten“ ernannt. Die von ihr geleitete „Mittelstelle Deutsche Tracht“ mit Sitz im Museum dokumentierte und erneuerte Tracht im gesamten NS-Staat. Auch „Umzuvolkende“ wie die Südtirolerinnen und Südtiroler sollten neue Trachten bekommen. In der Sonderausstellung wird diese Zeit kritisch beleuchtet und die Frage aufgeworfen, wie wir heute mit Pesendorfers Erbe umgehen. „Eigentlich war mit Tracht ja jegliche Art von Kleidung gemeint. Erst wenn sie zum Symbol einer Gemeinschaft wird, die andere ausschließt, wird sie problematisch. In der NS-Zeit hatte das sicherlich seine radikalste und beklemmendste Konsequenz, die wir auch in der Ausstellung thematisieren“, so Bodner.

Nach 1945 setzte Pesendorfer ihr Wirken zwar nicht nahtlos fort, dennoch fand sie Nischen und Netzwerke zum Weiterarbeiten vor. In ihrem Buch „Lebendige Tracht in Tirol“ fasste sie die Resultate ihrer Bestrebungen seit der Zwischenkriegszeit zusammen und ergänzte neue Entwürfe. Das Buch passte in das Landesbewusstsein Tirols in der Zweiten Republik und dient bis heute als Vorlagenwerk. Allerdings wurde es 2013 vom Markt genommen – aufgrund einer Debatte über „Volkskultur“ in der NS-Zeit.

Gegenbewegung zur traditionellen Perspektive

Dass die Tracht inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, zeigen auch unterschiedliche Gruppen und Initiativen, die mit neuen Ansätzen überraschen. Mit der Parole „Never let the Fascists have the Dirndl“ drücken drei Wiener Aktivistinnen etwa ihren Wunsch aus, Tracht nicht Konservativen und Rechten zu überlassen. Als Gruppe „Reclaim the Dirndl“ setzen sie sich dafür ein, dass auch die moderne, weltoffene Frau Dirndl tragen darf. Sie möchten damit die Tradition auf friedvolle Weise wieder zurückerobern. In der Sonderausstellung wird eine ihrer Schürzen zu sehen sein, die sie eigens für die Ausstellung mit „Never let the Fascists have the Dirndl“ bestickt haben.

Die bayrische homosexuelle Schuhplattlergruppe „Schwuhplattler“ schloss sich zur Jahrtausendwende zusammen, um das traditionelle Brauchtum zu pflegen. Sie definieren sich als „traditionsbewusst – heimatverbunden – schwul“ und leisten neben ihrer Freude am Schuhplatteln auch einen wichtigen gesellschaftspolitischen Beitrag für die Toleranz der Menschen gegenüber Homosexuellen. Homosexualität, Heimatverbundenheit und die Bewahrung traditioneller Werte passen hervorragend zusammen – die Schwuhplattler sind dafür ein leuchtendes Beispiel.

Wünsche und Ängste: Vom Untergang zur Reanimation

Die Wiederbelebung der Tracht war aber nicht immer erwünscht. Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde der Untergang der „Volkstracht“ in Tirol bemerkt, beklagt – von einigen Seiten aber auch begrüßt. Für viele stand fest, dass die Kleidung mit dem Fortschritt nicht vereinbar war. Dennoch setzte sich die Forderung durch, dass Tracht mit all ihrer Tradition und Geschichte erhalten bleiben musste. Ein Komitee leitete Aktionen ein, Vereine gründeten sich, Schützen und Musikkapellen traten auf den Plan. Die Sonderausstellung legt einen Schwerpunkt auf die Neuentdeckung der Trachten seit circa 1900 im Tiroler Raum.

Später kam die weitere Forderung hinzu, dass Tracht nicht nur konserviert, sondern auch wiederbelebt werden sollte. Das forderte die sogenannte „Trachtenerneuerungs-Bewegung“. Einen Höhepunkt erlebten die Reanimationsversuche, als Österreich 1934–38 zum autoritär regierten Ständestaat wurde. Im Volkskunstmuseum wurden damals „neue Tiroler Trachten“ kreiert. Was an diesen Trachten Original war und was neu dazu erfunden wurde, welche ökonomischen und politischen Interessen damit verfolgt wurden, das wird in der Sonderausstellung beleuchtet.

Tracht erforschen: Trachtenkunde seit 1900

Neben Dirndl und Lederhose sind in der Trachtenkunde weitere Kleidungsstücke spannend: Im Volkskunstmuseum werden bisher nicht gezeigte Hüte in den verschiedensten Formen präsentiert. Dazu kommen kreative Blusen, Stutzen, Schuhe, Tücher und Schürzen. Die Bäuerinnen und Bauern durften historisch gesehen zwar nur Materialien aus eigener Produktion, wie etwa Wolle und Flachs, für die Herstellung von Trachten verwenden, doch daran hat man sich nicht immer gehalten. Die Verordnungen waren gegen Kleiderluxus gerichtet, immer wieder dienten trotzdem feine, teure Materialien wie Seide aus internationalem Handel als Accessoires.

Forschungsprojekt der Tiroler Landesmuseen mit der Universität Innsbruck

Die Sonderausstellung geht aus einem Forschungsprojekt hervor, das von 2014 bis 2019 in Kooperation der Tiroler Landesmuseen mit der Universität Innsbruck durchgeführt wurde. Im Zentrum des Interesses standen Gertrud Pesendorfers Biografie und Wirkungsgeschichte. Außerdem wurden Feldforschungen zu Tracht in der Gegenwart durchgeführt.Apfelfilzen

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