Dienstag, 02 Mai 2017

Mehrzahl von Bauer gleich Bäuerin?

 

Dreh- und Angelpunkt auf den Betrieben waren, sind und bleiben die Frauen. So lautet das Fazit der dritten internationalen Tagung zum Thema „Frauen bewegen Landwirtschaft – Landwirtschaft bewegt Frauen“, die letzthin in Schwäbisch Hall standfand.

Renata Bauer, Landwirtschaftsmeisterin und Betriebsleiterin aus Deutschland, war 23 Jahre jung, als sie den Betrieb ihres Vaters übernahm. „Das Schwierigste war sicher die finanzielle Herausforderung. Dem Betrieb ging`s überhaupt nicht gut“, erinnert sich die mittlerweile zweifache Mutter.

Nebenbei hat sie damals auch noch die Meisterschule besucht. Rückblickend ein Vorteil, weil sie mit dem Wissen und den Impulsen der Lehrkräfte sofort umsetzen konnte, was für den Betrieb damals überlebenswichtig war. Heute geht es dem Betrieb gut und die Familie freut sich auf neuen Zuwachs. „Wenn frau weiß, was sie will, Pläne und das notwendige Wissen hat, funktioniert es auch“, sagt die Bäuerin. „Und gehen tut`s sowieso nur zusammen und gemeinsam mit der ganzen Familie. Wichtig ist“, so die begeisterte Landwirtin, „mit dem Partner immer im Gespräch zu bleiben. Man muss nicht immer einer Meinung sein, aber zusammen diskutieren. Dann kommt man schon auf einen gemeinsamen Nenner.“ Was die junge Mutter beklagt, ist aber die wenige Zeit, die sie für sich und ihren Partner findet.

Auf die eigene Gesundheit achten

Zeit ist auch für Rosalie Hötzer ein wesentlicher Faktor. Auf ihrem Bauernhof muss die Zeit gut eingeteilt werden: Neben der Arbeit in der Milchschafhaltung, der Käserei und in der Schnapsbrennerei will auch die Familie versorgt werden. „Wir haben ein schönes Ritual zu Hause“, sagt die Bäuerin, „immer um neun Uhr treffe ich mich mit meinem Mann auf einen Kaffee, um den Tag durchzureden. Untertags ist immer so viel los, da verliert man sich sonst.“

Mit 33 Jahren ist Rosalie Hötzer auf den Betrieb ihres Mannes gekommen. Sie erinnert sich mit einem Lachen zurück: „Zum Glück war ich damals so naiv, das wäre sonst nie gut gegangen.“ Wichtig sei, dass die Frau ihren Platz im Betrieb findet und sich mit Begeisterung einbringen kann. Denn mit Begeisterung halte man vieles aus. Für die Bäuerin, die auch Schule am Bauernhof anbietet, zählt zu den wertvollsten Erkenntnissen die Achtung der eigenen Gesundheit. „Ich muss meinen Tag so planen, dass ich Zeit habe, auch Gesundheitskultur zu betreiben. Und wenn`s nur eine halbe Stunde spazieren gehen ist. Oder einen Schwatz mit einer guten Freundin. Aber so viel Zeit muss sein“, sagt sie.

Was diese beiden Bäuerinnen tagtäglich am eigenen Leibe erfahren, ist, dass die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen auch vor der bäuerlichen Familie nicht haltmachen. Vielmehr weichen sie die traditionellen Rollenvorstellungen und die Arbeitsteilung in Familie und Betrieb auf. Die Bäuerin steht mitten in diesem Spannungsfeld und wird zwischen beruflichen, gesellschaftlichen und familiären Aufgaben immer stärker gefordert. Eine Tagung in Schwäbisch Hall hat sich mit diesem Thema befasst: An die 130 Teilnehmerinnen aus dem deutschsprachigem Raum tauschen hier zwei Tage lang ihre Erfahrungen aus. Neben wissenschaftlichen Vorträgen berichteten auch Bäuerinnen von ihren Erkenntnissen aus der Praxis.

Gute Absicherung wichtig

Wie Elsbeth Aeberhard: Sie hat auf ihrem Betrieb verschiedene Standbeine geschaffen. Schlafen im Stroh oder Schule am Bauernhof erwirtschaften hier neben der Milch wertvolles Zusatzeinkommen. „Nur auf dem Papier gehört der Betrieb mir, in der Praxis gehört er meinem Mann und mir zusammen“, erklärt die dreifache Mutter. Es sei wichtig für sie gewesen, das machen zu können, was sie gut kann: „Jeder soll das machen, worin er oder sie stark und gut ist. Also jene Aufgaben, die am leichtesten von der Hand gehen. Egal, welche Rolle er oder sie spielt.“

Als ehemalige Politikerin liege es ihr besonders am Herzen, dass die Leistung der Landwirte besser entlohnt würde. Weniger in Beiträgen als vielmehr im Endpreis des Produktes vonseiten des Konsumenten. Ansonsten meint Elsbeth Aeberhard: „Jede Frau soll und muss Anrecht darauf haben, ihren Beruf auch weiterhin auszuüben. Wenn ihr das mehr Spaß macht, bringt es mehr Lebensqualität, als sich irgendwo hineinzuzwängen. Und egal, wo frau arbeitet: Sie muss gut abgesichert sein, damit sie ein gutes Leben führen kann!“

Begeisterung stärkt und steckt an

Die Südtirolern Ulrike Laimer führt bereits seit vielen Jahren ihren Hof in Lana mit Obst- und Weinbau, auch Urlaub auf dem Bauernhof bietet sie an. Für die dreifache Mutter war es nicht schwierig, den Betrieb zu übernehmen: „Ich wollte das einfach, und es ist eine schöne Herausforderung“, erklärt sie. Wenn man für die Landwirtschaft brenne und das auch zeigen könne, so stärke das die eigene Persönlichkeit, aber auch die Familie. Die größte Herausforderung für eine Frau sei sicherlich die körperliche Arbeit auf dem Hof. „Frauen auf Höfen haben viele Parallelen, der gegenseitige Austausch tut wahnsinnig gut“, sagt die Traktoreuropameisterin. Wichtig sei, dass die Frau sich selbst treu bleiben und ihren Weg gehen könne.

Sichtbar und messbar machen

Brigitte Wotha, Professorin an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften, bestätigt die praktischen Erfahrungen: „Das Wichtigste für Wissenschaft und Forschung ist das Sichtbarmachen der Vielfältigkeit auf dem Hof. Und dass ich diese Vielfältigkeit sichtbar mache, ins Bewusstsein rücke und messbar sowie zählbar mache und dann zum Handeln auffordere – vor allem die Politik.“

Südtirols Landesbäuerin Hiltraud Erschbamer stellte bei der Tagung einige Projekte der Südtiroler Bäuerinnenorganisation vor. „Eine Aussage, die mir besonders gut gefallen hat, war in einer Schularbeit eines Volksschulkindes, das die Mehrzahl von Bauer schreiben sollte und dort Bäuerin hinschrieb. Diese Anekdote hat aber etwas!“ Die Bäuerin sei nach wie vor Dreh- und Angelpunkt auf dem Hof. „Diese Rolle wollen und müssen wir weiterhin unterstützen, stärken und sichtbar machen. Wo Frauen am Hof mitarbeiten, mitreden und mitgestalten, das sieht man einfach“, unterstrich die Landesbäuerin.

von verena niederkofler

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