Landwirtschaft in Zukunft ist weiblich
Die Bäuerin des Jahres Petra Weger möchte den Bäuerinnen Sichtbarkeit geben und aufzeigen, dass die Frauen auf den Höfen die Zukunft der Landwirtschaft sein werden.
Ulrike Tonner
Zwischen den steilen Rebhängen in Graun bei Kurtatsch hat sich die diesjährige „Bäuerin des Jahres“ ihr Lebensprojekt erfüllt: der Baumgartnerhof – ein Weinbaubetrieb mit Urlaub auf dem Bauernhof. Die Weinbäuerin führt nicht nur ein traditionsreiches Weingut, sondern öffnet ihr Anwesen auch für Gäste, die das Authentische suchen – unter dem Leitsatz hochwertig und regional. In stilvoll gestalteten Ferienwohnungen, die nach ihren Rebsorten „Sauvignon“, „Blauburgunder“ und „Müller Thurgau“ benannt sind, verbindet sie architektonische Klarheit mit dem naturverbundenen Charme von Holz und Wein. Der Tischlermeisterin war es wichtig beim Umbau viel Holz zu integrieren, auch Altes neu zu verwenden. So dient eine “Luen” als Kleiderhacken, alte Holzbalken als Bettgestell. Im Gespräch mit Petra spürt man die tiefe Verwurzelung mit Grund und Boden, mit der Erde, mit dem Holz. Ihre Verbundenheit zur Natur ist am Hof überall sichtbar.
Mit einem tiefen Verständnis für den Wert landwirtschaftlicher Handarbeit keltert sie selbst ein. „Corona hat uns ja einiges gelehrt: nicht verzagen, kreativ werden. Und so habe ich - anstatt die Weintrauben wegzuschmeißen - mir gedacht, ich probiere mal, selbst Sekt und Wein herzustellen. Und siehe da: ich hab’s geschafft!“ Mit viel Freude und Genugtuung zeigt sie ihren Weinkeller. Petra verarbeitet auch ihr Obst zu Fruchtaufstrichen, Sirupen und Trockenobst: „Etwas wegwerfen oder nicht verwerten gibt es nicht.“ Ihre Gäste erleben so auf dem Hof nicht nur ihre mit Liebe hergestellten Produkte, sondern auch die Geschichten dahinter: Bei Hofführungen oder mit dem liebevoll bestückten Frühstückskorb, der den Tagesbeginn mit hofeigenen Spezialitäten bereichert.
Was hier sichtbar wird, ist ein Zusammenspiel aus Landwirtschaft, Handwerk und Gastlichkeit – getragen von der Vision einer Frau, die Bodenständigkeit mit Innovationskraft vereint.
„Ich bin lernfähig“
Die tägliche Arbeit als Bäuerin war nicht Petras erste Option, obwohl sie auf dem Hof aufwuchs. Jedoch hat sie die Herausforderung angenommen und lernte, probierte und entwickelte weiter. „Nicht stehenbleiben,“ sagt Petra. Nach dem Tod ihres Vaters Leonhard durch einen Unfall in der steilen Rebanlage im Jahre 2014 stand die Hofnachfolge an. Petra war damals schwanger. Ihre zwei anderen Geschwister hatten kein Interesse an der Landwirtschaft. Petra entschied sich für den Hof. Sie und ihre Mutter Viktoria waren ein gutes Frauengespann. „Wir pockn des,“ sagte die Mutter von Petra immer. Sie haben sich die Aufgaben gut aufgeteilt, nur so gelang es voranzukommen. „Eigentlich bin i koane Bäuerin, i bin dor Bauer und meine Mama ist die Bäuerin.“ Petra kümmert sich um alles, was am Hof anfällt – egal ob draußen im Weinberg, im Hau, im Garten oder im Büro. Ihre Mutter hilft ihr dabei und ist immer an ihrer Seite. Ihre Stärke liegt darin, dass sie das, was sie nicht kann oder nicht weiß, lernen will. Das war auch die treibende Kraft, dem Baumgartnerhof zu dem zu machen, was er heute ist. „Eine Hofübernahmen ist nie einfach zu regeln und eine nach einem Todesfall erst recht nicht, das ist noch schwieriger,“ sagt Petra. Sie wohnte mit ihrem Lebenspartner Jürgen in Penon, dort hatten sich damals gerade ihr Haus gebaut. Petra übernahm 2016 trotzdem den Hof. „Nicht einfach, als Frau mit einem Kleinkind.“
Petra wollte dann aber Nägel mit Köpfen machen, und den Baumgartnerhof weiterentwickeln. Dort wo er stand, war es gebäudetechnisch nicht möglich und so entschied sie, den Hof auszusiedeln. Die Auszahlung der Geschwister, der Neubau 2017 – die finanzielle Last sehr groß. Und dann im Jahre 2019 ein Erdrutsch direkt vor dem neuerbauten Hof, der erheblichen Sachschaden anrichtete, gefolgt von Corona – all dies hat Petra überstanden. Heute blickt sie mit einem Lächeln zurück und sagt: „Es ist mein Hof, meine Huemet!“ Man spürt die Dankbarkeit, die Petra verspürt - trotz des hohen Schuldenberges, den Petra zu stemmen hat. “Eine Huemet bedeutet eine schöne Bleibe, dort wo man gerne zurückkommt, dort, wo man ein feines zu Hause hat. Wenn du eine Huemat hast, dann hast du ein Platzl, wo du immer hin gehen kannst, wo du sein, so wie kannst, wie du bist und wer du bist!“
Mit einem tiefen Verständnis für den Wert landwirtschaftlicher Handarbeit keltert sie selbst ein. „Corona hat uns ja einiges gelehrt: nicht verzagen, kreativ werden. Und so habe ich - anstatt die Weintrauben wegzuschmeißen - mir gedacht, ich probiere mal, selbst Sekt und Wein herzustellen. Und siehe da: ich hab’s geschafft!“ Mit viel Freude und Genugtuung zeigt sie ihren Weinkeller. Petra verarbeitet auch ihr Obst zu Fruchtaufstrichen, Sirupen und Trockenobst: „Etwas wegwerfen oder nicht verwerten gibt es nicht.“ Ihre Gäste erleben so auf dem Hof nicht nur ihre mit Liebe hergestellten Produkte, sondern auch die Geschichten dahinter: Bei Hofführungen oder mit dem liebevoll bestückten Frühstückskorb, der den Tagesbeginn mit hofeigenen Spezialitäten bereichert.
Was hier sichtbar wird, ist ein Zusammenspiel aus Landwirtschaft, Handwerk und Gastlichkeit – getragen von der Vision einer Frau, die Bodenständigkeit mit Innovationskraft vereint.
Zukunftsfähige Landwirtschaft
Petra möchte gestalten, sie weiß sich zu helfen, sie hat sich Hilfsmittel gebaut, die es ihr ermöglichen, als Frau die körperliche Arbeit zu bewältigen: „Das meiste schaffe ich alleine!“, sagt sie mit Stolz, trotz der steilen Rebanlagen. Die maschinelle Arbeit bleibt eine große Herausforderung. „Die größte bleibt für mich immer im Herbst die Ernte gut einzubringen. Die Trauben sind mein ganzes Hab und Gut, das ist mein Geld, ein ganzes Jahr harte Arbeit und die dann auf dem Traktor gut in die Genossenschaft zu bringen, ist immer ein großes emotionales Erlebnis für mich!“, erzählt Petra und wird plötzlich nachdenklich.
„Man weiß nicht, wohin die Entwicklung geht, die Auszahlungspreise gehen zurück und am Ende des Jahres ist der Gewinn nicht mehr so hoch. Gleichzeitig steigen die Betriebskosten. Der kleine Bauer kann keine Stundenkalkulation machen wie die großen Betriebe,“ sagt Petra. Sie macht den Vergleich mit der Kostenkalkulaltion eines Handwerkbetriebes. „Du kannst nicht jede Stunde gegenrechnen, das geht sich nicht aus.“ Mit den Risiken, sprich Umweltschäden, musst man auch zurechtkommen und doch denkt Petra positiv und sagt: „Die Landwirtschaft bieten den Frauen Zukunft, weil man Familie mit der Landwirtschaft kombinieren kann. Das ist das große Potential! Die Flexibilität die Arbeitszeiten, die freie Arbeitseinteilung – dadurch ist vieles möglich.“ Davon ist Petra überzeugt. Die Frauen können sich das zunutze machen und ihre Kreativität am Hof freien Lauf lassen, das ist es dann, was Sinn macht.
Botschafterin sein
Als Bäuerin des Jahres möchte Petra ein Zeichen setzen für mehr Sichtbarkeit der Frauen in der Landwirtschaft. Bäuerin sein ist zukunftsfähig, ist Petra überzeugt. Ihr Leben zeigt, dass Rückschläge sie nicht aufhalten, sie hinterlassen zwar Spuren, aber können zu Neuem anregen. Und wenn eine Schiene nicht geht, dann muss man etwas anderes ausprobieren, nicht stehenbleiben und weiterdenken – das rät Petra den Bäuerinnen. Und die Frauen haben mehr Feingefühl und meist auch den nötigen Weitblick und eine realistische Einschätzung.
Finanzielle Last zu tragen ist nicht immer einfach. Da darf man nicht immer zu viel nachdenken und positiv sein, sonst wird es schwierig. Und bei den Krediten das Beste herausholen, auch das hat Petra zum Glück gut gelernt. „Wenn eine Frau Bäuerin werden will, dann hat sie schon mal Courage und diese Courage trägt dich in allem,“ sagt Petra. Große Sprünge kann man nicht machen, aber man kann trotz allem sich Zeiten frei schaufeln, um mal schwimmen oder auf den Berg zu gehen. Das muss auch sein, immer nur arbeiten, geht auch nicht.
Verantwortung über den eigenen Hof hinaus
Für Petra ist es wichtig, sich nicht nur am Hof zu engagieren, sondern sie bringt sich in verschiedenen ehrenamtlichen Projekten ein: Südtiroler Bäuerinnenorganisation, Südtiroler Bauernbund und im Chor. Sie bringt nicht nur neue Impulse in die bäuerliche Gemeinschaft, sondern eben auch Wertschätzung für die Rolle der Frau in der Landwirtschaft. Sie steht für Authentizität, Lebensfreude und Verantwortung – auch für die Dorfgemeinschaft und diese Werte möchte sie weitergeben. „Der Arbeitstag ist lang und nur immer alleine in den Rebanlagen zu sein, macht auch keinen Spaß, deshalb braucht es auch den Kontakt mit der Dorfgemeinschaft, als Ausgleich.“
mutig und innovativ
Petra möchte den Frauen Mut machen: „Es geht als Frau Landwirtschaft zu betreiben, einen Betrieb zu führen und ihn weiterzuentwickeln. Du musst nicht alles allein schaffen, du muss mutig und innovativ sein, du darfst nicht stehen bleiben, und muss flexibel bleiben – Tag für Tag! Dann ergeben sich immer neue Möglichkeiten.“ Der Beruf Bäuerin ist wunderschön, man ist selbst seine Chefin. Geschlechtergleichheit ist für sie kein Thema. Petra hat sozusagen zwei Männerberufe eingeschlagen: Tischlern und Bäuerin. Beide Berufe gaben ihr die Möglichkeit sich zu entfalten. Sie hat selten gehört, das kannst du nicht als Frau. „Ich bin immer mit Respekt behandelt worden. Sicher, man muss sich behaupten, selbstsicher auftreten, dann wir man auch angehört.“
Petra wird ihre Kreativität am Baumgartnerhof weiter ausleben und hat noch Pläne: eins nach dem anderen. Und sie freut sich, dass ihr Lebenspartner Jürgen sich mit ihr über den Titel Bäuerin des Jahres freut. Nun entdeckt er sogar langsam sein Interesse an dem Weinbau. Ihr Sohn Leonhard hilft manchmal auch begeistert mit. Vielleicht hat er später Interesse, den Hof zu übernehmen – wer weiß. Natürlich würde sich Petra darüber freuen.
Petra lebt vor, wie Hofleben, Familie und Ferienbetrieb miteinander vereinbar sein können und wirkt dabei nicht überfordert, sondern kraftvoll, auch wenn sie zugibt, dass es Tage gibt, an denen es nicht so einfach ist. In einer Zeit, in der viele den Kontakt zur Landwirtschaft verlieren, ist Petra Weger eine Brückenbauerin: zwischen Tradition und Moderne, zwischen Hofalltag und Gesellschaft, zwischen Herkunft und Zukunft.