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Die Magie der Weide

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Die Magie der Weide

Das Flechten ist ein uraltes Handwerk, das Geschick, Behutsamkeit und Ruhe erfordert. All das beherrscht die Bäuerinnen-Dienstleisterin Irmgard Gurschler Klotz aus Galsaun. Die Vinschgerin begann vor 14 Jahren damit und inzwischen ist das kunstvolle Verarbeiten der Weiden zu ihrer großen Leidenschaft geworden. Die Referentin für Handarbeits- und Dekorationskurse beherrscht eine große Palette der Flechtkunst und vermittelt ihr Wissen authentisch an alle weiter, die Freude am Flechthandwerk haben.

Frau Gurschler, wie sind Sie denn zum Flechten gekommen?

Zufällig durch die Südtiroler Bäuerinnenorganisation. Der Bezirk Vinschgau hat einen Ausflug zur Winterschule Ulten organisiert. Da habe ich einen geflochtenen Lampenschirm entdeckt und sofort gedacht: So etwas möchte ich auch machen können. Also habe ich mich für die Flechtausbildung an der Winterschule angemeldet. Mein Gedanke war anfangs einfach, Körbe für mich selbst herzustellen. Doch irgendwie hat es mir keine Ruhe gelassen. Da habe ich begonnen, auf den Bauernmarkt zu gehen, um dort meine Körbe und Dekorationen zu verkaufen. So habe ich ein Gespür dafür bekommen, ob es interessierte Kunden gibt. Und da habe ich gemerkt: Das Selbstgemachte kommt einfach gut an.

Seit wann geben Sie dieses besondere Handwerk an andere weiter?

Mit der Zeit haben immer mehr Leute gefragt, ob ich auch Kurse gebe. Da habe ich dann einfach damit angefangen. Doch das Flechten der Körbe und das Weitergeben der Techniken an andere sind zwei Paar Schuhe. Anfangs bin ich also doch recht häufig ins Schwitzen gekommen. Nach einigen Jahren habe ich die Ausbildung „Südtiroler Bäuerinnen. Aus unserer Hand" der Südtiroler Bäuerinnenorganisation gemacht. Wichtig war mir dabei vor allem die Rückmeldung der anderen Referentinnen und es war sehr interessant zu sehen, wie andere ihre Kurse abhalten. Mir persönlich macht es eine große Freude, wenn meine Kursteilnehmer am Ende strahlend mit ihrem eigenen Flechtwerk heimgehen können.

Welche Gegenstände flechten Sie?

Eigentlich alles Mögliche: verschiedene Arten von Körben und Dekorationen wie Kugeln, Leuchten, Schüsseln, aber auch Trennwände und Sichtschutze. Sehr gerne arbeite ich andere Materialien wie Holz, Horn, Wolle und Eisen in meine Flechtarbeiten ein. Ich finde es spannend, wenn ich ein Thema bekomme und dazu etwas flechten darf. Beispielsweise für die Veranstaltung „Marmor und Marille“. Dafür habe ich sogar Marmor in meine Arbeiten einfließen lassen. Da muss man sich dann schon im Voraus Gedanken machen, wie man das Material richtig einsetzen kann. Und am Ende ist es eine richtige Genugtuung, wenn das „Projekt“ dann auch gelingt (lacht). Das gibt mir ganz viel.

Neben den Kursen sind Sie auf vielen Märkten unterwegs…

Genau, vor allem im Sommer flechte ich meine Waren für verschiedene Themen- und Weihnachtsmärkte. Märkte sind schon toll: Neben dem Verdienst lernt man viele Leute kennen und einige melden sich dann später noch bei mir. Manchmal mache ich auf den Märkten auch Flechtvorführungen, da schauen die Leute ganz gerne zu.

Woher bekommen Sie Ihre Weiden?

Bei uns in Südtirol gibt es, soweit ich weiß, keinen Weidenhändler. Deshalb beziehe ich einen Teil meiner Weiden von einem ausländischen Materialhändler. Die Preise sind je nach Qualität, Sorte und Dicke der Weiden ganz unterschiedlich. Seit einigen Jahren baue ich einen Teil meines Materials selbst an. Ich lege Mulchfolie aus, dort stecke ich die Weidenstecklinge hinein und so wachsen sie das ganze Jahr über. Wichtig ist es, sie eng zu setzen, ansonsten kippen sie auseinander und bilden Seitentriebe. Unterm Jahr machen die Weiden kaum Arbeit und können von November bis Februar abgeschnitten werden.

Und dann kann das Flechtmaterial verwendet werden?

Ganz so einfach ist es nun doch nicht. Die Weiden müssen vorher noch ein halbes Jahr getrocknet werden. Man kann Weiden zwar schon auch frisch verarbeiten, doch dann schrumpfen die Gegenstände mit der Zeit. Bei etwas Dekorativem kann dieser Effekt sogar erwünscht sein, aber ein Korb wird mit frischem Material richtig locker, da zahlt sich die zeitaufwändige Arbeit nicht aus. Lässt man Weiden trocknen, bündelt man sie am besten und lässt sie in einem dunklen Raum stehen. Im Freien unter einem Dach oder in einem luftigen Schuppen klappt das ganz gut, ein Keller hingegen ist zu feucht. Möchte man die Weiden verwenden, gibt man sie in eine Wanne voller Wasser, beschwert sie mit Steinen und lässt sie für acht bis 14 Tage einweichen.

Ob Kurse oder Märkte…was macht Ihnen am meisten Spaß?

Es ist die Abwechslung, die mir Spaß macht. Ich möchte meiner Familie an dieser Stelle sehr für die Unterstützung danken, dafür, dass sie immer hinter mir gestanden hat und immer noch steht, denn ich bin wirklich sehr dankbar für meine kreative Arbeit. Ich kann mir die Zeit selbst einteilen, arbeite von zu Hause aus und ich mache das, was mir am liebsten ist. Und es ist mir wichtig, dass die Flechtkunst weitergetragen wird. Der Einsatz von Weiden hat in der Landwirtschaft eine lange Tradition. Ob zum Binden der austreibenden Weinreben oder zum Flechten von Körben oder anderen Gebrauchsgegenstände: Die Weiden hatten eine wichtige Funktion. Und auch heute noch lassen sich mit den Weiden besondere Werke herstellen, die Freude machen. Ich möchte dieses alte Handwerk am Leben erhalten. Das ist mir ein Herzensanliegen.

 

Veröffentlicht in der DiVita Zeitschrift im Juli 2018 - siehe Anhang zum Herunterladen